New Work auf 360 Quadratmetern: Wie drei Gründerinnen mit „nomad“ das Arbeiten neu denken
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In Metropolen wie Berlin oder München ist Coworking längst zur Norm geworden, während das Arbeitsmodell in einer Stadt der Größe Würzburgs für manche immer noch neuartig wirkt. Viele Unternehmen reden über New Work, ohne es wirklich zu leben. Dabei profitieren Kreativität und Produktivität nachweislich von einem Kontextwechsel. In Würzburg gibt es seit Mitte 2023 einen weiteren Coworking-Space – doch er ist noch viel mehr als das.
„Warum machen wir nicht einfach ein Follow-Up?“
Es begann mit der Würzburg Web Week 2022. Eine Abendveranstaltung lud unter dem Titel „Frauen in der Gründung“ ein, bei der Gründerinnen über ihre Erfahrungen sprachen – und Sophie Hofmann (27), Lena Ulsamer (29) und Madlen Kehr (36) saßen im Publikum. Die drei kamen ins Gespräch. „Lasst uns doch einfach ein Follow-Up machen“, schlug Madlen danach vor. Aus Gesprächen wurden Skizzen, aus Skizzen Konzepte – und aus Konzepten letztendlich eine GmbH.
Was alle drei verband, war ein konkreter „Pain“. Der Alltag als Selbstständige kann trist sein: Projekte jonglieren, Bürokratie bewältigen und dabei vermissen, was in festen Strukturen selbstverständlich ist – den zufälligen Austausch auf dem Flur und das Gefühl, nicht allein zu sein. Lena Ulsamer führt eine Agentur für Markenkommunikation, bei der Sophie Hofmann nach ihrem Bachelor einstieg; Madlen Kehr betreibt parallel ein Studio für Fotografie und Grafikdesign.
Das „Henne-und-Ei-Problem“ bei der Gründung
Wer gegründet hat, kennt das Dilemma: Was braucht man zuerst – die Immobilie oder die Finanzierung? Lena, Sophie und Madlen lösten es pragmatisch. Sie besichtigten im Januar 2023 ein Gewerbeobjekt im Würzburger Stadtteil Grombühl, erhielten wenige Tage später die Zusage, und ab April 2023 lief der Mietvertrag. Es folgte ein dreimonatiger Sprint: Wände einziehen, Küche einbauen – alles in Eigenregie, mit tatkräftiger Unterstützung der Familien.
„Wir haben bilderbuchmäßig alle Stationen in Würzburg abgeklappert“, sagt Lena – Gründerberatungen, andere Startups und das eigene Netzwerk. Zur Finanzierung nahmen sie einen Kredit der LfA-Förderbank Bayern auf; die Buchungs-App wurde über den „Digitalbonus Bayern“ gefördert. Zur Eröffnungsfeier Ende Juli 2023 kamen über 150 Gäste – es gab sogar eine Torte im Corporate-Design.
Kein reiner Büroflächenanbieter, sondern ein New-Work-Lab
Wer nomad zum ersten Mal betritt, merkt sofort: Hier ist etwas anders. Loft-Industrie-Stil, Pflanzen, schallisolierte Telefonboxen, eine voll ausgestattete Küche – und überall kleine „Anker“: Poster und Gedankenstöße, die im Arbeitsalltag kurz innehalten lassen. Dahinter steht eine klare Haltung: New Work brauche auch „Inner Work“ – Ressourcenmanagement als Kernkompetenz.
Das Konzept beruht auf drei Säulen. Erstens „Cowork“: flexible Einzel- und Gruppenarbeitsplätze, per App buchbar und offen für alle. Zweitens „Meet“: mehrere voll ausgestattete Meetingräume unterschiedlicher Größe, auf Wunsch mit Catering. Drittens „Reconnect“: ein modulares Programm für Teambuilding, Workations und mehrtägige Teamauszeiten. Diese Säulen standen nicht von Anfang an fest – sie sind das Ergebnis konsequenten Zuhörens.
Die Kunden kamen – doch es waren andere, als gedacht
Ursprünglich hatte nomad Selbstständige und Freelancer im Blick. Die Realität entwickelte sich anders: Heute ist der Großteil der Besucher angestellt, arbeitet remote und möchte trotzdem nicht im Homeoffice sitzen. Dazu kommen namhafte Unternehmen – Procter & Gamble, Knauf, Schiesser und JobRad haben bereits Räume gebucht. Ein Würzburger Startup hat sein Büro sogar vollständig aufgegeben und arbeitet komplett im nomad.
Was viele hier suchen, finden sie im eigenen Corporate-Space oft nicht: mehr Freiheit, Inspiration und die produktive Reibung eines gemischten Umfelds. Coworking-Spaces erfüllen, was die Wissenschaft „Third Place“ nennt – ein Ort jenseits von Zuhause und Firmenzentrale. Gerade kleine und mittlere Unternehmen könnten profitieren: Statt langfristiger Mietverträge für halbleere Flächen buchen Teams exakt das, was sie gerade brauchen.
„Love the problem, not the solution“
nomad hatte es nicht immer leicht. Anfangs gab es zwei Community Manager mit vielen Aktivitäten – gut gemeint, aber an den Bedürfnissen der Zielgruppe vorbei. Das Team wurde schlanker: Heute arbeiten die drei Geschäftsführerinnen, eine Minijob-Kraft und stets ein Praktikant in der Petrinistraße. Das Learning in einem Satz: „Love the problem, not the solution.“
Die größte Herausforderung bleibt die Unplanbarkeit – volatile Buchungszahlen und schwer prognostizierbare Nachfrage. Die Antwort: sich weiterentwickeln und immer wieder den Kunden zuhören. Bald ist ein besonderes Format geplant – eine Art „Mindful Coworking“-Tag, an dem Produktivität und Achtsamkeit zusammenkommen.
Was kommt als Nächstes?
nomad will auf zwei Ebenen wachsen: geografisch mit weiteren Standorten über Würzburg hinaus und inhaltlich mit einer „nomad academy“, die Stressmanagement, Ressourcenoptimierung und achtsames Arbeiten in greifbare Formate gießt. Dahinter steht eine Frage: Wie lässt sich Arbeit und Leistung mit Gesundheit im Alltag verbinden?
Der Rat der drei an andere Gründungswillige: mutig sein, ausprobieren, Verbündete suchen, Rat annehmen. Und: „If you never try, you’ll never know.“ Wer sich überzeugen lassen will, kommt am besten einfach vorbei – vielleicht sogar mittwochs. Da geht die Community in der Mittagspause laufen.