
Ein Artikel von Steffen Eric Kramer, veröffentlicht in der Ausgabe vom Juni 2026, im IHK Magazin "Wirtschaft in Mainfranken".
Die Gründerinnen Sophie, Lena und Madlen glauben an die Kraft von Gemeinschaft, Kreativität und Innovation. Mit nomad wollen sie gemeinsam die Arbeitsformen und Büros der Zukunft konzipieren.
IDEE. In Metropolen wie Berlin oder München ist Coworking längst zur Norm geworden, während das Arbeitsmodell in einer Stadt der Größe Würzburgs für manche immer noch neuartig wirkt. Viele Unternehmen reden über New Work, ohne es wirklich zu leben. In Würzburg gibt es seit Mitte 2023 einen neuen Coworking-Space – doch er ist noch viel mehr als das.
Es begann mit der Würzburg Web Week 2022. Eine Abendveranstaltung lud unter dem Titel „Female Founders“ ein, bei der Gründerinnen über ihre Erfahrungen sprachen. Sophie Hofmann (26) und Madlen Kehr (36) saßen im Publikum, während Lena Ulsamer (29) selbst Speakerin für die Agentur „Meraki“ war. Die drei Frauen kamen ins Gespräch. „Lasst uns doch einfach ein Follow-up machen“, schlug Madlen danach vor. Das Ergebnis: regelmäßige Treffen. Aus Gesprächen wurden Skizzen, aus Skizzen Konzepte, aus Konzepten letztendlich eine GmbH.
Was alle drei Frauen verband, war ein konkreter „Pain“ – wie sie selbst sagen. Der Alltag als Selbstständige kann trist sein: Projekte jonglieren, Bürokratie bewältigen und dabei vermissen, was in festen Strukturen selbstverständlich ist: den zufälligen Austausch auf dem Flur beziehungsweise das Gefühl, nicht allein zu sein. Alle drei bringen Gründungserfahrung mit: Lena Ulsamer führt eine Agentur für Markenkommunikation, bei der Sophie Hofmann nach ihrem Bachelorabschluss einstieg. Madlen Kehr betreibt parallel ein Studio für Fotografie und Grafikdesign.
Das „Henne-Ei-Problem“ bei der Gründung
Wer gegründet hat, kennt das Dilemma: Was braucht man zuerst – die Immobilie oder die Finanzierung? Lena, Sophie und Madlen lösten es pragmatisch. Sie besichtigten im Januar 2023 ein Gewerbeobjekt im Würzburger Stadtteil Grombühl, erhielten wenige Tage später die Zusage, und ab April 2023 lief der Mietvertrag. Was folgte, war ein dreimonatiger Sprint: Wände einziehen, Küche einbauen und so weiter – alles in Eigenregie, mit tatkräftiger Unterstützung der Familien.
Begleitet wurde die Gründung im Vorfeld von zahlreichen Gesprächen. „Wir haben bilderbuchmäßig alle Stationen in Würzburg abgeklappert“, wie Lena es formuliert – Gründerberatungen, andere Start-ups und das eigene große Netzwerk befragt. Zur Finanzierung nahmen sie einen Kredit der LfA-Förderbank Bayern auf. Auf die Frage nach der idealen Rechtsform gaben externe Berater einen klaren Rat: Eine GmbH sollte es sein – wegen der Reputation. Zur Eröffnungsfeier Ende Juli 2023 kamen über 150 Gäste. Es gab sogar eine Torte! Im Corporate Design. Man sei jetzt durch die GmbH quasi „verheiratet“.
New-Work-Lab mit „Inner Work“-Gedanke
Wer nomad zum ersten Mal betritt, merkt sofort: Hier ist etwas anders. Loft-Industrie-Stil, Pflanzen, schallisolierte Telefonboxen, eine voll ausgestattete Küche – und überall kleine „Anker“: Poster und Gedankenstöße, die einen im
Arbeitsalltag kurz innehalten lassen. Sämtliche Produkte der Innenausstattung wurden bewusst rund um das Thema New Work ausgewählt. Lena, Sophie und Madlen verbinden mit nomad eine klare Haltung: New Work brauche auch „Inner Work“ – Ressourcenmanagement als Kernkompetenz.
Das Konzept des nomad in Würzburg beruht auf drei Säulen. Erstens „Cowork“: flexible Einzel- und Gruppenarbeitsplätze, per App buchbar und offen für alle. Zweitens „Meet“: mehrere voll ausgestattete Meetingräume unterschiedlicher Größe, auf Wunsch mit Catering, nutzbar für Workshops, Seminare und Konferenzen. Drittens „Reconnect“: ein modulares Programm für Teambuilding, Workations und mehrtägige Teamauszeiten. Diese drei Säulen standen nicht von Anfang an fest. Sie sind das Ergebnis konsequenten Zuhörens. Kunden buchten Meetingräume und fragten anschließend nach Attraktionen in der Stadt oder nach Übernachtungsmöglichkeiten. Das Learning: Kunden wollen „Bundles“ – alles aus einer Hand.
Die Kunden kommen
Ursprünglich hatte nomad eine klare Zielgruppe vor Augen: Selbstständige und Freelancer. Die Realität entwickelte sich jedoch anders. Heute ist der Großteil der Besucher Angestellte, die remote arbeiten und nicht im Homeoffice sitzen wollen. Und dann sind da noch namhafte Unternehmen: Procter & Gamble, Knauf, Schiesser und JobRad haben bereits Meetingräume und Einzelarbeitsplätze gebucht. Ein Würzburger Start-up hat sein Büro sogar aufgegeben und arbeitet komplett im nomad. Was viele hier suchen, finden sie im eigenen Corporate Space häufig nicht: mehr Freiheiten, Inspiration, die produktive Reibung durch ein gemischtes Umfeld. Coworking-Spaces erfüllen dabei die Funktion eines „Third Place“ – eines Ortes jenseits von Zuhause und Arbeitsplatz, der Struktur, soziale Verbindungen und neue Impulse bietet.
„Love the problem, not the solution“
Nomad versteht sich diesbezüglich nicht als reiner Raumvermieter, sondern als aktiver Gestalter von Arbeitskultur. Genau hier liegt ein riesiges Potenzial: Die kleinen und mittleren Unternehmen der Region, das Rückgrat der mainfränkischen Wirtschaft, seien oft noch skeptisch, wenn es um Coworking oder flexible Arbeitsmodelle geht. Dabei, so sind die drei Geschäftsfrauen überzeugt, könnten gerade KMUs davon profitieren: Statt langfristiger Mietverträge für oft halbleer stehende Flächen buchen Teams exakt das, was sie gerade brauchen – ohne Nebenkosten, ohne starre Strukturen.
Nomad hatte es nicht immer leicht. In der ersten Zeit nach der Eröffnung gab es zwei Community-Manager, die zahlreiche Aktivitäten für die Besucher organisierten – ein Ansatz, der gut gemeint, aber an den Bedürfnissen der Zielgruppe vorbeizielte. Das Team wurde schlanker: Heute arbeiten die drei Geschäftsführerinnen, eine Minijob-Kraft und stets ein Praktikant in der Petrinistraße. Was sie gelernt haben, fasst ein Satz zusammen: „Love the problem, not the solution“. Die größte Herausforderung, die bleibt, ist die Unplanbarkeit – volatile Buchungszahlen, eine schwer prognostizierbare Nachfrage. Was tun? Sich weiterentwickeln, immer wieder den Kunden zuhören. In Kürze etwa ist ein besonderes Format geplant: eine Art „Mindful Coworking“-Tag – ein gestalteter Arbeitstag, an dem Teilnehmende erleben, wie Produktivität und Achtsamkeit zusammengehen.
Nomad will auf zwei Ebenen wachsen: geografisch mit weiteren Standorten über Würzburg hinaus und inhaltlich in Form einer „nomad academy“, die Stressmanagement, Ressourcenoptimierung und achtsames Arbeiten in greifbare Formate gießen soll. Dahinter steht eine Frage, die Sophie, Lena und Madlen antreibt: Wie lassen sich Arbeit und Leistung mit Gesundheit im gelebten Alltag verbinden? Ihr Rat an andere Gründungswillige: mutig sein, ausprobieren, Verbündete suchen, Rat annehmen – die Anlaufstellen seien da. Und: „If you never try, you’ll never know“. Wer sich von nomad überzeugen lassen will, sollte einfach mal vorbeikommen. Vielleicht sogar mittwochs. Da geht die Community in der Mittagspause laufen.